KAPA Leitlinien für die Praxis
KAPA Leitlinien für die Praxis
- Informierte Naivität vermeiden:
Patient:innen sollten nicht ihre wertvolle Therapiezeit damit verbringen müssen, den Therapeut:innen Grundbegriffe wie „Metamour“ (Partner:in von Parnter:innen) oder „NRE“ (New Relationship Energy) zu erklären. - Entpathologisierung und diagnostische Neuordnung:
Nicht-Monogamie und Kink (BDSM) sind per se keine Indikatoren für psychische Störungen oder Traumafolgen. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt keine signifikanten Unterschiede in der psychischen Gesundheit zwischen BDSM-Praktizierenden und der Allgemeinbevölkerung.
Dies spiegelt sich auch in der diagnostischen Evolution wider: Mit dem Übergang vom ICD-10 zum ICD-11 wurden einvernehmliche BDSM-Praktiken weitgehend entpathologisiert. Ein Krankheitswert wird nun nur noch unter spezifischen Voraussetzungen attestiert, etwa wenn ein massiver subjektiver Leidensdruck besteht oder die Handlungen gegen den Willen Beteiligter erfolgen (Paraphile Störungen). Während Kink somit eine differenziertere klinische Betrachtung erfährt, finden nicht-monogame Beziehungsformen in diagnostischen Manualen wie dem ICD oder DSM konsequenterweise überhaupt keine Erwähnung, da es sich hierbei um soziologische Beziehungsmodelle und nicht um klinische Phänomene handelt.
- Differenzierung: Ein „Kink Aware & Poly Aware“ Professional kann unterscheiden, ob ein Problem durch die Polyamorie bzw. den Kink entsteht, oder ob es ein allgemeines Problem ist, das in jedem Modell auftreten würde.
- Brave Space statt nur Safe Space: Es geht nicht nur darum, einen sicheren Raum zu schaffen, sondern einen „mutigen Raum“, in dem Patient:innen sich trauen, abweichende Wünsche und Identitäten (wie BDSM oder Polyamorie) ohne Angst vor Verurteilung zu explorieren.
Autorin:
Ing. Natascha Ditha BERGER für KAPA, Januar 2026